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© 2018 by Josefine Herrmann. Alle Inhalte und Fotos gehören mir.

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Von Vorsichtsmaßnahmen und anderen Umständen

Unser Alltag mit einem sehbehinderten Kleinkind




Ich packe den kleinen gelben Anstecken mit den drei schwarzen Punkten aus und stecke ihn an Herminchens Strickjacke. Sie streicht mit ihren kleinen Fingerchen darüber, spielt ein bisschen damit aber er ist so glatt, dass es sich offensichtlich schön anfühlt. Sie schimpft jedenfalls nicht wie sonst gerne, wenn ich ihr eine Jacke anziehe die sie nicht mag oder aus ihrem Vogelnest auf dem Kopf versuche etwas herzustellen das man Frisur nennen kann. 


Ich halte kurz inne und warte was mit mir passiert. Meine kleine Tochter mit diesem Blindenzeichen am Körper. Aber es passiert nichts. Weder habe ich Gedanken, dass sie jetzt stigmatisiert ist noch stört mich die Offensichtlichkeit ihrer Beeinträchtigung in dem Moment. Wir selber haben uns ganz bewusst dazu entschieden Nena damit zu helfen.

In unübersichtlichen wuseligen Situationen wie unserem wöchentlichen Marktbesuch, Supermarkt, Zoo, Straßenfest, Fußgängerzone haben wir die Erfahrung gemacht, dass Herminchen zwar gerne frei laufen würde aber zu unsicher dafür ist. Sie sieht die Hindernisse, Menschen, Hunde, Laternenpfähle erst wenn sie unmittelbar vor ihr sind. Wenn von der Seite plötzlich etwas in ihr Gesichtsfeld kommt erschreckt sie sich regelmäßig.

Das verunsichert. Und Verunsicherung hemmt. Und Hemmung hindert Entwicklung. Und das wär ja schade. 

Also nun so. Und was soll ich sagen: es hilft! Die Menschen nehmen Rücksicht, gehen ihr aus dem Weg, haben Nachsicht wenn sie nicht so schnell Platz macht oder reagiert. Sie wird im Supermarkt nicht angemeckert weil sie irgendwelche Körper durch die Gegend schiebt oder sonstigen Kram macht, den Kinder in dem Alter nun mal machen. 

Für mich entspannter, für sie entspannter. 

Letztens habe ich eine Reportage über eine blinde Frau gesehen… sie hat sich darüber empört, dass sich jemand beschwert hat den sie aus Versehen angerempelt hat. Die angerempelte Person sagte dann: „Sie haben mich doch gesehen!“ Und daraufhin die Blinde: „Nein, habe ich nicht, ich bin blind“. Nun war es so, dass man das der blinden Frau nicht ansah. Sie hatte wache, weit geöffnete Augen und trug ihr Kleinkind auf den Schultern. Sie hatte keinen Blindenstock, kein Blindenzeichen aber einen Führhund dabei.

Auch wenn ich finde, dass allgemein alle Menschen freundlicher miteinander umgehen sollten finde ich nicht, dass man von seiner Umwelt erwarten kann, dass innerhalb von Sekunden bemerkt wird, dass etwas anders ist als bei anderen und darauf auch prompt adäquat reagiert wird. Auch deswegen haben wir uns dafür entschieden. 


So langsam aber sicher wird es also greifbarer, das Leben mit einem seheingeschränktem Kind.

Nun tauchen sie langsam auf. Diese immer so geheimnisumwitterten Umstände von denen uns keiner sagen konnte wie sich sich äußern. Als sie noch nicht krabbeln konnte sagten wir: „Mal schauen wie es wird wenn sie krabbeln lernt“ und sie krabbelte, ohne Probleme. 

Dann sagten wir: „Mal schauen wie es wird wenn sie laufen lernt“ und dann lief sie, ohne Probleme aber mit Einschränkungen draussen. 

Dann sagten wir: „Mal schauen wie es wird wenn sie in die Kinderkrippe geht“ und jetzt geht sie… mit Umständen. 


Bei uns äußern sich die Umstände auf folgende Art und Weise:

Wenn der Weg uneben ist, Kopfsteinpflaster z.B. eine hubbelige Wiese oder Strand.. dann möchte Herminchen auf den Arm. Dann ist das Laufen wir sie anstrengend denn für sie erscheint der Boden wie eine glatte Fläche. Jede Unebenheit ist eine Überraschung für sie. Um zu seinem Ziel zu kommen muss man es ja vor Augen haben. Herminchen müsste aber eigentlich ständig auf den Boden gucken um diese Überraschungen rechtzeitig zu bemerken. Das macht es für sie zu so einer ungewissen Partie. Oft benutzt sie draussen ihren klapprigen, pinken Puppenbuggy… er ist eine Art Blindenstockersatz und eine Sicherheit für sie. Sie bemerkt so, wenn sich der Boden verändert oder eine Stufe kommt. 

Spürt die kleine Bohne eine Veränderung auf dem Boden oder sieht, dass etwas anders ist bleibt sie sofort stehen. Ganz unauffällig tastet sie dann mit dem Fuß ein bisschen.. Reicht das nicht dann fasst sie den Boden an und und fühlt was da los ist. Sie weiß sich also zu helfen und sie regiert wahnsinnig gut auf unsere Manöverbefehle: Sie bleibt schlagartig stehen wenn wir „Stopp“ rufen, sie fragt bei jeder Stufe einer Treppe ob es die letzte ist. Um sie in ihrer Selbstständigkeit zu unterstützen zeigen wir ihr oft mit unseren Füßen durch Stampfgeräusche wo eine Stufe ist oder was sich am Boden verändert.

Das hört sich aufwendiger an als es ist. Meistens passiert das so nebenbei. 

Allerdings graut es mir etwas vor der dunklen Jahreszeit: 

In Dunkelheit und Dämmerung sieht Herminchen quasi nichts. Auch das Autofahren in der Dunkelheit ist unangenehm für sie, da die grellen Lichter der anderen Autos sie höchstwahrscheinlich stark blenden. 

Nach jetzigem Stand der Dinge wird sie sich draussen im dunklen sehr unwohl fühlen, geradezu Angst haben und nicht alleine laufen wollen. 

Unsere Frühförderin hat schon vorgeschlagen, mit Herminchen diesen Herbst ein Mobilitytraining durchzuführen. Ein altersgerechtes benutzen des Blindenstockes wird da beigebracht. Für uns erstmal eine komische Vorstellung aber es macht Sinn. Vielleicht bekommt sie so für die kommende Jahreszeit ein wenig Unterstützung.

Hinzukommt, dass wir nicht wissen ob und wann Nenas Augen schlechter werden und es ist, laut Frühförderung, gut wenn sie die Benutzung des Stockes dann schon verinnerlicht hat und es nicht erst erlernen muss wenn es soweit ist…


Im Kindergarten wurden gerade die neuen Gelder für ihren Inklusionsplatz beantragt. In so einem Fall müssen die Erzieher immer einen Bericht schreiben. Dieser Bericht ist immer eine Offenbarung der Gruseligkeit. Es wird nur darauf heruntergebrochen was sie NICHT kann. Das muss aber so sein sonst gibt es keine zusätzlichen Fördermittel.

Es ist nun mal so: Herminchen braucht viel Unterstützung in alltäglichen Dinge, darf aus Selbstverletzungsgefahr eigentlich nicht aus den Augen gelassen werden, muss an Spiele herangeführt werden und ist, obwohl sie ein aufgewecktes Supergirl ist, in einigen Bereichen eben nicht altersgerecht entwickelt. Sobald es im Kindergarten sehr laut und wuselig wird, fällt sie in ihren persönlichen Schutzmechanismus:

Sie bleibt wie angewurzelt stehen, steckt sich den Daumen in den Mund und streichelt ihre eigenen Wange, der Blick verklärt sich und sie wird passiv.

Aus dieser Blase muss sie aktiv durch Berührung und direktes Ansprechen wieder herausgeholt werden. Für seheingeschränkte Kinder und so auch Herminchen ist es bekannt, dass sie sich an die Erwachsenen halten. Die Erzieher laufen nicht einfach weg ohne Bescheid zu sagen, sie kündigen an bevor sie Körperkontakt aufnehmen und machen keine unvorhersehbaren hektischen Bewegungen. So orientiert auch sie sich an ihrer heissgeliebten Bezugserzieherin und ich bin unfassbar froh, dass das Erzieherteam dort auf ihre Bedürfnisse so toll und liebevoll eingeht. Es könnte ihr dort nicht besser gehen. Auf unbedingte Empfehlung der Erzieher die Herminchen jeden Tag in diesem Kindergartenalltag erleben wird sie, wenn sie 3 wird auch in ihrem Kindergarten in die Heilpädagogische Gruppe wechseln. Dort sind nur Kinder mit Einschränkungen aber die Gruppe ist übersichtlich und der Betreuungsschlüssel liegt bei nahezu 1:1.

Herminchen so gut, sinn-und liebevoll betreut zu wissen, ist für uns ein riesen Glück. 





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