JOIN MY MAILING LIST

© 2018 by Josefine Herrmann. Alle Inhalte und Fotos gehören mir.

  • Fine

"Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt"

Updated: Jul 9, 2018



Am letzten Wochenende haben wir gemeinsam mit meiner Schwester unsere dritten Kinder getauft. Unsere gar-nicht-mehr-so-kleine Dame und meinen doch noch ziemlich kleinen Neffen. Es war ein wunderbares Familienfest. Die Sonne schien und vor allem für die Kinder war es großartig: Ein Spielplatz, ein Haufen Kinder und ein Haufen Kuchen. Ich glaube, das sind die Tage die in der Kindheitserinnerung kleben bleiben.

Meine liebe Freundin Franzi, die ich seit der Schulzeit kenne, unter anderem Patentante meines Erstgeborenen und Powerfrau, nahm mich an dem Nachmittag beiseite und überreichte mir mit Tränen in den Augen ein Geschenk. Für mich. In dem Päckchen war eine wunderschöne Kette. Eine Kette mit 3 Anhängern, für jedes meiner Kinder einen, die seitdem meinen Dinosaurierhals ziert. (Menschen die mich persönlich kennen und schon mal im Profil gesehen haben, wissen wovon ich rede…ich sag nur Diplodocus)

Abends, als die Gäste verabschiedet und das Gemeindehaus wieder aufgeräumt war, wir die Kuchenreste verpackt und die Geschenke nach Hause gebracht hatten und die Kinder schlummernd in ihren Betten lagen, saß ich auf dem Sofa zwischen einem Haufen Glückwunschkarten und starrte auf die von Franzi für mich. „Kaum kann ich mir vorstellen was ihr im letzten Jahr alles durchgemacht habt…“ schrieb sie.

Ja. In dem Moment realisierte mein vom Schlafmangel und anderen Anstrengungen, der Immer-Positiv-Bleiben-Einstellung und dem täglichen Wahnsinn gebeuteltes Hirn was wir im letzten Jahr eigentlich durgemacht hatten. Ich ließ noch mal Revue passieren was eigentlich alles passiert war:


Ein Vorsorgetermin. Vom mir eigentlich als unspektakulär eingeordnet, bei dem ich von unserer ziemlich besorgten Kinderärztin dann aber direkt zum Augenarzt nebenan geschickt wurde und von dem direkt weiter in die Uniklinik. Es sollte der Erste von vielen werden.


Warten. Viel und langes Warten auf Termine, Ergebnisse, Meinungen, Untersuchungen, Einschätzungen, Anrufe, Briefe. Ein Warten, dass den sowieso schon strapazierten Nerven einer Dreifachmutter im ersten Lebensjahr von Kind Nr. 3 nicht besonders gut getan hat.

Ein Baby, das uns zu dem Zeitpunkt nicht angeschaut hat und über das uns gesagt wurde, dass es sein könne, dass das nicht nur so bleibt sondern sogar noch schlimmer wird.


Sorgen. Nicht nur um die Ergebnisse sondern auch um die Untersuchungen. Vollnarkose.. Wie soll das gehen? Ein nüchternes Baby? Geht das Urvertrauen dabei flöten? Oder vielleicht sogar das ganze Babygehirn? Was ist eigentlich wenn das Kind ganz blind ist?

Was bedeutet das für das Leben von Herminchen? Und was bedeutet das für mich? Für uns?

Ein Riesenhaufen Fragen ohne Antworten die wie Blitzlichter durch meinen Kopf schossen. Abendelang schaute ich mir Dokumentationen über blinde Kinder an und las Informationsbroschüren und Tipps... Nicht gerade die entspannendste Nachtlektüre.


Die Geschwister. Unsere Jungs, die zwar die Tatsache, dass Herminchen anders sieht überhaupt nicht schlimm finden und sie, Gott sei Dank, genau so liebevoll ruppig behandeln wie sie es auch sonst machen würden, die aber natürlich trotzdem von der Veränderung in der Familie durch die Geburt eines neuen Geschwisterchens extrem betroffen sind. Jeder musste seinen neuen Platz finden und das hat uns ehrlicherweise eine Menge Nerven gekostet. Das Gefühl den Bedürfnissen der Großen nicht gerecht zu werden übermannt mich immer mal wieder. Sie sind zwar so groß, dass sie schon sehr selbstständig sind aber trotzdem haben auch sie viele Baustellen. Der Große ist 3 Wochen nach der Geburt seiner kleinen Schwester in die Schule gekommen und der Kleine musste den Status des Familienkleinsten abgeben. Beides definitiv keine einfachen Unterfangen.


Meine Schwester. Mit der Ich IMMER alle Sorgen teilen kann. Neben meinem Mann, der bei vielen Untersuchungen ja sowieso dabei war, ist sie immer die Erste die ich anrufe. So auch an dem typisch vermatschtem Hamburger Dezembertag im letzten Jahr. Als noch ein Hirntumor und ähnliche Scheußlichkeiten im Raum standen und Herminchen im MRT lag. Kurz zuvor hatte sie sich wahnsinnig gegen die Narkose gewehrt. Sich gewunden und gegen das Einschlafen gekämpft und die Anästhesistin immer „noch eine Dosis“ und „noch mehr“ geben musste, wir dann den Raum verlassen mussten bevor sie richtig schlief und in meiner Vorstellung so viel Narkosemittel durch ihre Adern floss, dass sie unmöglich jemals wieder aufwachen konnte. Dann hatte sie der Augenarzt untersucht und als er endlich fertig war und uns seine Einschätzung mitteilen wollte, wurden wir von einer relativ unsensiblen Krankenschwester vom Gang verscheucht: „Hier können sie sich nicht unterhalten, hier liegen Patienten“ und auf Nachfrage des Arztes wo er uns in Ruhe kurz seine Ergebnisse mitteilen könne (er war aus einer anderen Klinik) nur ein „keine Ahnung, hier jedenfalls nicht“ zurück kam und wir uns dann im Stillzimmer anhören konnten, dass unsere Tochter sehbehindert ist und es „nicht so gut aussehe“.

Da stand ich dann danach im Foyer des schicken Neubaus des Kinder-UKEs, hatte meine Schwester am Telefon und schluchzte ihr ungefiltert meinen Schock ins Ohr. Das war eins der zwei Male die ich mir erlaubt habe zu weinen.


Das andere Mal kamen wir aus Berlin zurück. Da unsere kleine Brillenschlange uns mittlerweile anschaute, war ich voller guter Hoffnung dorthin gefahren und kam mit ernüchternden Ergebnissen zurück. Abends machten meine Gedanken Crashtests in meinen Kopf. Die Hoffnungsvollen gegen die Schwarzgemalten. Es war ein Schlachtfeld. Also nahm ich mir die Gitarre, auf der ich mir manchmal selber das Spielen beibringe und schrammelte drauflos. Irgendwann blieb ich bei „Knocking on Heavens Door“ hängen so lange bis die Tränen liefen.

Ist das zwei Mal zu viel oder zehn Mal zu wenig? Ich weiß es nicht. Manchmal denke ich, Gefühle, auch die Negativen, zuzulassen würde helfen. Dann wiederrum finde ich kein Ventil dafür oder gebe mir selbst auf stark und optimistisch zu bleiben. Dann treffe ich Leute denen es viel schlechter geht und die viel mehr Sorgen haben und in den Momenten erlaube ich mir schon gar nicht auch mal „rumzujammern“.

Mittlerweile gibt es auch eigentlich keinen Grund. Oder doch? Herminchen entwickelt sich lehrbuchgemäß und die meisten Menschen die sie nicht so oft sehen und nur wissen, dass sie unter „sehbehindert“ läuft, sagen einen meiner heißgeliebten Sätze:


„Aber sie sieht doch was!?!?!“ oder „Jetzt hat sie mich aber gerade angeguckt!!!!“ oder „Es macht gar nicht den Eindruck, als würde sie wenig sehen!“

Nein, macht es auch nicht. Erkläre ich dann jedes Mal und fühle mich als müsste ich mich dafür rechtfertigen, dass die Ärzte sagen, dass ihre Augen nen Schaden haben. Oder als hätte ich mir das nur ausgedacht oder würde übertreiben. Das tue ich aber nicht. Ich gebe nur wieder was die Ärzte sagen. Und wenn man ihr wirklich in die Augen schaut, fällt einem das Rumgewackel und Geschiele auch auf. Alles andere, das weiß ich auch durch unsere herzallerliebste Frühförderin, fällt auch nicht besonders auf, denn, sie sieht ja was. Und wieviel oder wenig das auch sein mag, sie benutzt das und ihre anderen Sinne und baut sich daraus ein eigenes Bild. So stell ich mir das zumindest vor. So richtig auffallen wird es wahrscheinlich erst wenn sie Fahrrad fahren oder lesen und schreiben lernen soll. Aber vielleicht ist bis dahin auch einfach alles gut. Und wenn nicht dann denk ich fest an Herminchens Taufspruch:


„Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt“




PS: Auch Franzis Familie hat mit ihrer kleinsten Tochter im letzten Jahr ordentlich was durchgemacht. DAS wiederum kann ich mir kaum vorstellen. So trägt jeder sein Päckchen und ich merke ein Mal mehr: man wächst mit seinen Aufgaben.

Ich ziehe meinen Hut und dank dir, liebe Franzi.



Und ganz speziell an dieser Stelle einen riesigen Dank an meine herzallerliebste große Schwester Toni. Ohne Dich weiß ich eh nicht was wär!



738 views
  • Black Facebook Icon
  • Black Instagram Icon
This site was designed with the
.com
website builder. Create your website today.
Start Now